Harzer Hexenbesen und seine Produzenten

Vor über 125 Jahren, inmitten des wilhelminischen Zeitalters am Ende des 19. Jahrhunderts, steht die Wiege von Harzer Hexenbesen. Begonnen hatte alles mit einer Idee zu dem Produkt durch den Brennherren Karl Hoppe (04.03.1868 - ca. 1918), der mit seiner Schwester Marie Krumhaar, geb. Hoppe (16.02.1871 - 15.02.1940), Eigentümer der Nordhäuser Kornbrennerei Salfeldt & Co. in der Rosengasse 2 war.
Karl übernimmt nach dem Tod seines Vaters Carl Rudolph Hoppe am 10.05.1893 die Geschäftsleitung der Firma. Nach dem auch die Mutter am 22.10.1897 stirbt, unterstützt ihn seine Schwester Marie in der Chefetage der Brennerei. Mit der Verjüngung der Geschäftsführung gehen verschiedene firmelle Änderungen einher. So wird eine Reihe neuer Spirituosenprodukte geschaffen, unter denen sich der „Harzer Hexenbesen“, ein Kräuterkorn, am hoffnungsreichsten entwickelt. Der Antrag zur Sicherung des Labels beim Reichspatentamt in München, datiert vom 23. Juni 1899. Es ist quasi die Geburtsstunde von Harzer Hexenbesen.


Doch schon zuvor muss ein Produkt ähnlichen Erscheinungsbildes und nahezu gleichen Namens existiert haben, das von der in der Nähe im Altendorf 63 befindlichen Brennerei Heinrich Reinhoff vertrieben worden ist. Ein historisches Reklame-Blechschild, das bereits mit einer rothaarigen Hexe für den Kräuterliqueur „Hexenbesen“ wirbt, legt hiervon Zeugnis ab. Es ist bislang der einzige bekannte Reklameartikel dieser Brennerei mit Bezug zu deisem Label. Mit dem Erscheinen des Harzer Hexenbesens durch Salfeldt & Co. ab 1899 gibt es keine Markenüberschneidungen mit der von Johannes Gossel geführten Reinhoffschen Brennerei mehr. Der Verweis in den frühen Reklameartikeln der Brennerei Salfeldt & Co. als „Alleinige Fabrikanten“ des Harzer Hexenbesens scheint doch auf einen markenrechtlichen Konflikt, der zu Ungunsten Gossels verlief, hinzudeuten oder lässt die käufliche Übernahme des Labels durch Hoppe vermuten. Licht ins Dunkel ist hier wohl nicht mehr restlos zu bekommen.


Die Geschwister Carl Hoppe und Marie Krumhaar betreiben fortan eine exzessive Werbestrategie in verschiedensten regionalen und überregionalen Tageszeitungen und Magazinen für das neue Produktportfolio ihrer Brennerei. Es werden sogar Anzeigen geschaltet und „Engrossisten unter günstigen Bedingungen überall gesucht“. Merchandisingartikel unterschiedlicher Fasson entstehen, darunter Reklamethermometer, emaillierte Miniaturtablets aus Blech und die legendäre „Harzer Hexenbrille“ – ein mit Reklame bedruckte Blechkonstruktion mit Doppelokular und verstellbarer Schärfeebene, durch das man auswechselbare Stereofotografien mit Ansichten aus dem Harz in 3D-Optik beschauen konnte – der Clou: zwischen den Fotos warb eine Flasche für den Harzer Hexenbesen.


Karl Hoppe fällt im 1. Weltkrieg. Maries Gatte, der Landwirt Wilhelm Krumhaar (04.07.1862 - 01.08.1940), tritt an seine Stelle. Die am 27.05.1890 geschlossenen Ehe hat einen kinderreichen Haushalt, von dem ihr Erstgeborener, Heinrich (1891-1915), nicht aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrt. Das Mädchen Leni stirbt 1895 im Wochenbett, fünf Kinder bleiben den Krumhaars: Hilde (1892), Elisabeth (1893), Marie (1896), Gertrud (1899) und Werner (1906) der später Destillateur wird. Neben den familiären Verpflichtungen, nimmt Marie weiter die Führung der ertragreichen Brennerei war, während Wilhelm im wesentlichen mit dem großen Landwirtschaftshof beschäftigt ist, der in dieser Zeit, zu den größten in Nordhausen zählt. Die Brennerei titelt auf den Rechnungsbögen mit "Einzige landwirtschaftliche Kornbranntwein-Bennerei Nordhausen" Landwirtschaft, Brennerei und Viemast bilden ein synergiereiches Konstrukt. Die Jahre bis zum Beginn des Krieges 1914 sind wohl die erfolgreichsten für das Unternehmen. Neben dem "Harzer Hexenbesen", sind auch die "Citronen-Labe" – ein Sirup, die "Kaiser-Wilhelm-Tropfen" und der "Nordhäuser Urstoff" – ein Kornbrand sehr Absatzstark. Schwere Jahre folgen. Über die wirtschaftliche Situation des Betriebes während des 1. Weltkrieges gibt ein Schreiben an das Bauamt der Stadt vom 08.02.1917 Auskunft: "Die Kanalgebühren für die Zeit vom 01.01.1916 bis 01.04.1917 wurden dieser Tage in Höhe von 95 Mark von uns gefordert. Da unser Betrieb jetzt völlig ruht und unsere Landwirtschaft z. Z. wirtschaftlich stark belastet ist, bitten wir um die wohlwollende Genehmigung, obigen Betrag in kleinen Raten abführen zu dürfen." Nach dem Krieg sind 1919 und 1924 Marie Krumhaar als Brennereibesitzerin und ihr Mann Wilhelm als Landwirt in den Adressbüchern verzeichnet.   

1925 erfolgt die letzte Erwähnung der Brennerei in der Bauakte am Standort Rosengasse 2. Krumhaars übergeben die Brennrechte von Salfeldt & Co. ihrer ältesten Tochter Hilde, die am 25.02.1922 den Brennereibesitzer Walter Kuntze geheiratet hat. 1926/27 wird der Betrieb noch einmal in der Sundhäuser Straße 1 als "Kornbranntweinbrennerei Salfeldt & Co. – Alleinige Hersteller des Harzer Hexenbesens" genannt. Unter der neuen Adresse unterhält Hildes Ehemann Walter Kuntze mit seinem Bruder Wilhelm die alteingesessene Brennerei C. G. Kuntze, unter deren Dach sie einen Firmenverbund mit zwei weiteren angekauften Brennereien bildet. Nach 1930 scheint Salfeldt & Co. als Betrieb in der Brennerei C. G. Kuntze aufgegangen zu sein, da die Firma als eigenständiger Betrieb nicht mehr erwähnt wird.


Nach 1937 wird schließlich auch die Firma C. G. Kuntze gelöscht. Der Harzer Hexenbesen aber bleibt und gelangt nach Betriebsaufgabe in der Sundhäuser Straße spätestens 1940 zur Brennerei Oscar Uhley. Deren Besitzer, Rudolf Uhley, modifiziert die Rezeptur und führt das Label Harzer Hexenbesen zu neuer Popularität. Uhleys Firma ist aufgrund von Wehrmachtsaufträgen einer der wenigen während des Krieges noch florierenden und brennenden Unternehmen. Der Aufschwung der Marke endet jedoch abrupt mit der Bombardierung Nordhausens im April 1945, bei dem Uhleys Brennerei in der Halleschen Straße 58 bzw. am Klosterhof 16 völlig zerstört wird. Man steht vor dem Nichts. Unter schwierigsten Bedingungen kommt Rudolf zunächst in der Brennerei Georg Hügues in der Bahnhofstraße unter und kann dort zeitweise auf deren Infrastruktur zurückgreifen. Im Sommer 1946 übernimmt Rudolfs Sohn Werner, der aus dem Krieg zurück gekehrt ist, die im Neuaufbau begriffene Firma. Im Tiefkeller des Betriebes Bohnhardt Am Alten Tor 8 produziert er autark wieder erste Spirituosen, die wohl wenig qualitativ sind - ein bisschen Sprit, viel Wasser, etwas Mutterkorn. Wenig später entsteht auf dem alten Grundstück in der Halleschen Straße eine Baracke. In dem Behelfsbau, der übrigens bis zur Wende stehen bleibt, wird weiter produziert. Wirtschaftlich bekommt er den Betrieb jedoch nicht wieder richtig auf die Beine. 1951 geht sein Vater Rudolf nach Münster und bleibt dort als Vorsitzender des Vereins Kornkette dem Gewerk treu. Werner folgt im und flieht 1952 in den Westen, nach Köln. Er arbeitet zunächst bei Asbach Uralt in Rüdesheim und später für die Handelskette Rewe. Die Brennerei in Nordhausen wird 1952 aufgelöst. Er hatte einen Tipp bekommen, dass es für ihn besser sei zu gehen.

Die Rechte am Harzer Hexenbesen gehen 1952 an Karl Werther, dem Inhaber der Brennerei Georg Hügues (gegr. 1883) in der Bahnhofstraße 18, in dessen Betrieb auch Werner Krumhaar (1906-2007) für die Brauseherstellung verantwortlich ist. Die Kräuterlikörmarke erfährt abermals eine Anpassung an die geänderten Geschmacksgewohnheiten und erlebt einen erneuten Aufschwung. Mitte der 1950er Jahre existieren noch rund 20 Brennereien und Likörfabriken in Nordhausen. Der staatlich verordnete Druck, die Planwirtschaft, setzt die meisten Betriebe zunehmend unter Druck. Bis in die frühen 1960er Jahre kann sich Werther mit der Spirituosenherstellung halten. Dann muss auch er, wie andere Betriebe vor und nach ihm, zugunsten des VEB Nordbrand die Produktion stilllegen. 1965 firmiert die Georg Hügues KG mit staatlicher Beteiligung. Chemische Substanzen, Limonaden und Eiscreme- und Tiefkühlkost werden von jetzt ab produziert. Für die Namen der Eiscremesorten lässt sich der Juniorchef Hans-Dieter Werther vom Harzer Hexenbesen inspirieren und so entstehen die bis heute im Handel erhältlichen Eiscremesorten „Hexenkuss“, „Hexensplitter“ und „Hexenkerze“.

Bei der Fa. Hügues wird die Marke „Harzer Hexenbesen“ später als Altwarenzeichen geführt und schließlich 1972 gewissermaßen mit verstaatlicht. Zunächst als Marke noch gepflegt, dann vernachlässigt im VEB und GmbH i.A. 1969 wird die Eintragung des Warenzeichens vorläufig letztmalig erneuert, 1980 läuft der Schutz aus. Nach erneuter Anmeldung 1992 gelangt die Marke 2003 durch Verkauf der Eiscremerechte in Besitz der Ablig Feinfrost GmbH Heichelheim. Die letzte 3/8 Flasche der alten Produktion, nunmehr nur noch als Einheitsflasche mit Schrumpfkapsel, kommt in das Nordhäuser Tabakspeichermuseum.
Seit 2021 befindet sich das Warenzeichen „Harzer Hexenbesen“ in Besitz der Liqueurmanufaktur Nordhausen. Die offizielle Produktion lief 2024 wieder an – pünktlich zum 125. Geburtstag. Harzer Hexenbesen ist damit zugleich das älteste Nordhäuser Spirituosenlabel.

Die
Die "Hexenbesenfamilie" (Brennerei Salfeldt & Co.) | Marie, geb. Hoppe und Wilhelm Krumhaar (v. Reihe Mitte) | h. Reihe ihre vier Töchter Gertrud, Marie, Elisabeth, Hilde und Sohn Werner (v. l.) | um 1925
Brennherrenpaar (Salfeldt & Co.) | Marie, geb. Hoppe und Wilhelm Krumhaar | um 1920
Brennherrenpaar (Salfeldt & Co.) | Marie, geb. Hoppe und Wilhelm Krumhaar | um 1920
Rosengasse 2 mit Mühlgraben - die Wiege des Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co. | vor 1912 (abgerissen 1966 u. 1974)
Rosengasse 2 mit Mühlgraben - die Wiege des Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co. | vor 1912 (abgerissen 1966 u. 1974)
Frachtbrief über ein Fass Kornbranntwein | 10.11.1870 | Brennerei Salfeldt & Co.
Frachtbrief über ein Fass Kornbranntwein | 10.11.1870 | Brennerei Salfeldt & Co.
bedruckter Briefkuvert | gelaufen 14.10.1900 | Brennerei Salfeldt & Co.
bedruckter Briefkuvert | gelaufen 14.10.1900 | Brennerei Salfeldt & Co.
Werbe-Ansichtskarte mit Firmenansicht | Brennerei Salfeldt & Co | um 1900
Werbe-Ansichtskarte mit Firmenansicht | Brennerei Salfeldt & Co | um 1900
Preisliste mit Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co. | um 1903
Preisliste mit Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co. | um 1903
Werbe-Ansichtskarte für Nordhäuser Kabinett (Korn) | Brennerei Salfeldt & Co | gelaufen 1904
Werbe-Ansichtskarte für Nordhäuser Kabinett (Korn) | Brennerei Salfeldt & Co | gelaufen 1904
Vertreterkarte für Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co | um 1900
Vertreterkarte für Harzer Hexenbesen | Brennerei Salfeldt & Co | um 1900
Annoncen warben für die zahlreichen Produkte von Salfeldt & Co. | um 1905
Annoncen warben für die zahlreichen Produkte von Salfeldt & Co. | um 1905
Rechnung über 6 Kisten Harzer Hexenbesen | 03.05.1907 | Brennerei Salfeldt & Co.
Rechnung über 6 Kisten Harzer Hexenbesen | 03.05.1907 | Brennerei Salfeldt & Co.
Die Hexenbesenkinder: Geschwister Krumhaar v.l. Werner, Marie, Elisabeth, Gertrud und Hilde | ca. 1916
Die Hexenbesenkinder: Geschwister Krumhaar v.l. Werner, Marie, Elisabeth, Gertrud und Hilde | ca. 1916
Briefbogen an das städt. Bauamt | 02.06.1917 | Brennerei Salfeldt & Co.
Briefbogen an das städt. Bauamt | 02.06.1917 | Brennerei Salfeldt & Co.
Brennherr/in a. D. (Salfeldt & Co.) | Marie, geb. Hoppe und Wilhelm Krumhaar im Ruhestand | 27.05.1938
Brennherrenpaar a. D. (Salfeldt & Co.) | Marie, geb. Hoppe und Wilhelm Krumhaar im Ruhestand | 27.05.1938
Rechnung aus der Hochinflation | 30.06.1923 | Brennerei C. G. Kuntze, Inh. Walter Kuntze
Rechnung aus der Hochinflation | 30.06.1923 | Brennerei C. G. Kuntze, Inh. Walter Kuntze
Hallesche Straße 58, Wohnhaus, links die Brennerei | Brennerei Oscar Uhley | um 1940 (1945 zerstört)
Hallesche Straße 58, Wohnhaus, links die Brennerei | Brennerei Oscar Uhley | um 1940 (1945 zerstört)
Die Spirituosen wurden in den 1930er Jahren noch mit Pferdefuhrwerk ausgefahren | Brennereihof Hallesche Straße 58 | Oscar Uhley
Die Spirituosen wurden in den 1930er Jahren noch mit Pferdefuhrwerk ausgefahren | Brennereihof Hallesche Straße 58 | Oscar Uhley
Harzer Hexenbesen - Reklame Blechschild | Brennerei Oscar Uhley | um 1940
Harzer Hexenbesen - Reklame Blechschild | Brennerei Oscar Uhley | um 1940
Rudolf Uhley (links) mit Fritz Höffler im Fasslager | Hallesche Straße 58 | ca. 1944
Rudolf Uhley (links) mit Fritz Höffler im Fasslager | Hallesche Straße 58 | ca. 1944
Versandabteilung mit Harzer Hexenbesen im Regal | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
Versandabteilung mit Harzer Hexenbesen im Regal | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
Versandabteilung | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
Versandabteilung | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
vorne: Uhley-Korn, hinten: Harzer Hexenbesen | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
vorne: Uhley-Korn, hinten: Harzer Hexenbesen | Brennerei Oscar Uhley | ca. 1944
Harzer Hexenbesen - Etikett | Brennerei Oscar Uhley | um 1940
Harzer Hexenbesen - Etikett | Brennerei Oscar Uhley | um 1940
Briefbogen | Brennerei Oscar Uhley, Inhaber Werner Uhley | 25.09.1946
Briefbogen | Brennerei Oscar Uhley, Inhaber Werner Uhley | 25.09.1946

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